Intro

Im Rahmen seiner mehrjährigen kunsthistorischen Forschungsarbeit gelingt es Riedel in der Spraykunst eine eigenständigen Entwicklungslinie zu identifizieren, deren Wurzeln in der prähistorischen Höhlenmalerei liegen, die (nahezu) seit Anbeginn der Moderne existiert, also bis weit in das 19. Jahrhundert reicht und sich bis heute wie ein roter Faden durch die in Riedels Verständnis niemals endende Moderne zieht. Dabei ist diese Entwicklungslinie bis heute kaum erforscht und zutreffend beschrieben; sind in der Kunstwelt, ob bei Ausstellungsmachern, Künstlern, Kunstredakteuren und Kunsthistorikern bis heute nur einige wenige über die letzten mehr als einhundert Jahre mit Sprays arbeitende „klassische“ Künstler bekannt; fehlt es bis heute an einer begrifflichen, diese Strömung in der bildenden Kunst umfassende Klammer; fehlt es für die Kunstwelt von heute immer noch in Ermangelung besseren Wissens an der Möglichkeit, sich kunsthistorisch auf andere Spraykünstler zu beziehen; will Riedels kunsthistorische und zeitgenössische Forschungsarbeit hier Abhilfe schaffen und die Möglichkeit einer kunsthistorischen Einordnung und Bezugnahme eröffnen; will Riedels kunsthistorische und zeitgenössische Analyse der Spraykunst im Ganzen wie auch der Spraymoderne „Licht ins Dunkel“ bringen; will Riedel die kunsthistorische Wahrheit und zeitgenössische Vielfalt ans Licht bringen und damit endlich der Kunstwelt die Möglichkeit eröffnen sauber zu würdigen; will Riedel endlich mit dem bis heute immer noch existierenden „Halbwissen“ aufräumen bzw. dieses beenden.

Um dieser Strömung auch in der Abgrenzung zu den anderen Entwicklungslinien einen Namen zu geben, führt Riedel mehrere, in Ermangelung eines 100%tig trennscharfen Terminus, allesamt nicht ganz trennscharfe Arbeitsbegriffe ein; gibt er zunächst seiner eigenen in der Tradition dieser Entwicklungslinien stehenden Spraykunst ab 2005 den Titel „Moderne Spraykunst“; führt er 2007 die Begriff „Spraymoderne“, 2010 den Terminus „Sprayavantgarde und 2019 den Begriff „Wide angle atomized Spray Art“ ein; überschneiden sich alle Begriffe in Teilbereichen mit den anderen Entwicklungslinien und haben doch auch ihren zutreffenden Kern. Damit begriffliche Klarheit herrscht, entschließt sich Riedel diese Strömung in der bildenden Kunst als „Spraymoderne“ zu bezeichnen, kommt dieser Terminus doch zur historischen und zeitgenössischen Einordnung dieser Entwicklungslinie, obwohl z. B. der Schweizer Harald Naegeli mit seinen legendären Strichgraffiti, der Holländer Hugo Kaagman und Franzose Blek le Rat mit ihren Schablonengraffiti auch der Spraymoderne zuzurechnen sind, obwohl der Terminus „Spraymoderne“ auch als Klammer für die gesamte in Kontext der Moderne stehenden Spraykunst verwendet werden könnte, am nahesten.

Dabei wird diese Entwicklungslinie bis heute durch klassische, vor allem aber nicht nur aus dem Atelier stammende Künstler getragen, die in ihrem jeweiligen künstlerischen Kontext, im Kontext ihrer Zeit in mannigfaltiger Weise mit den bildnerischen und zum Teil auch ideellen bzw. geistigen Qualitäten von Sprays arbeiten; Künstler, die sich jeder in seiner ureigenen Weise, ob nun in Reinform oder Mischtechnik, ob nun in Gänze oder in wesentlichen Bildsequenzen der bildnerischen Vorzüge von Sprays bedienen und mit diesen gezielt arbeiten. Künstler, die für kurze, ja teils auch extrem kurze Zeit mit Sprays experimentieren oder für längere Zeit die optischen Vorzüge von Sprays nutzen. Künstler, die in einer oder mehreren Schaffensphasen mit Sprays arbeiten. Künstler, die sich im Laufe der Jahre primär oder sekundär, permanent oder temporär der bildnerischen Qualitäten von Sprays bedienen. Künstler, deren Arbeit mit Sprays ihr Hauptwerk oder aber ein Ausflug ist. Künstler, die sich bis heute entgegen der großen Mehrheit an Künstlern, nicht tradierter Medien, sondern manueller Zerstäubungstechniken oder dem Airbrush, der Sprühpistole oder der Spraydose bedienen. Künstler, die in der Interpretation bzw. Ausformulierung ob neuer in ihrer Zeit sich andeutender, aufkommender oder bereits etablierter stilistischen Richtungen, Bewegungen, Schulen und/oder Werkkonzepten über mehr als ein Jahrhundert hinweg einen spraykünstlerischen Beitrag leisten. Künstler, die nicht wie z. B. im Fotorealismus mit hyperdetailliert zerstäubten, sondern weitwinklig zerstäubten Sprays arbeiten. Künstler, die ab und an mit den sprayspezifischen Kontrasten von scharf und unscharf, wie auch opak und transluzent arbeiten. Künstler, die sich der spraytechnischen, weil dreidimensional entstehenden und auf der Zerstäubung beruhenden Spezifika bildnerischer Elementarformen, wie z. B. dem Punkt und kleinen Kreis, der Linie bzw. dem Strich, dem Fleck und Farbfeld, der hartkantig abgrenzten Flächenform wie auch der Farbspur und nicht zuletzt „hybrider“ Spzialformen bedienen. Künstler, die sich auf der Höhe ihrer Zeit den klassischen Genres Skizze, Malerei oder Skulptur der bildnerischen und zuweilen auch ideellen Qualitäten von Sprays bedienen. Künstler, die meist mit Bildern und/oder zuweilen mit Texten arbeiten. Künstler, die bis heute ihre Skizzen und Gemälde oft aber nicht nur auf klassische und damit transportable, weil dadurch flexibel präsentierbare Werkträger wie z. B. Papier, Malplatten oder Leinwand sprayen und als käuflich erwerbbare Kunstwerke zumeist für die White Cube z. B. private Räume denken. Künstler, die sich aber auch in ihren für die White Cube gedachten Arbeiten im Kontext ihrer Zeit spezieller innovativer Werkkonzepte wie Shaped Canvas und Installation (Erlebnisraum), wie Combine und Combine Paintings oder der Schrift- und Aktionskunst widmen. Künstler, die bis heute ihre Spraykunstwerke in den üblichen Institutionen der Kunstvermittlung wie z. B. Kunstvereinen, Galerien und Museen präsentieren. Künstler, die in aller Regel nicht wie im Graffiti oder der Streetart von der Straße kommen und doch ab und an mit ihren bereits lange vor dem Graffiti gesprayten Murals oder mit ihren besprühten bzw. lackierten Skulpturen in den öffentlichen Raum gehen und sich damit wie selbstverständlich der Kunst im öffentlichen Raum widmen und den direkten Weg zum Menschen suchen und finden. Künstler, die wie Katharina Grosse weite Teile ihres Schaffens der Spraytechnik widmen. Künstler, die wie Wassily Kandinsky über längere Zeit mit der Zerstäubungstechnik arbeiten. Künstler, wie Salvador Dali, die nur einige wenige Werke sprayen. Im Ergebnis seiner mehrjährigen chaotischen Spurensuche im Internet und in der Kunstliteratur gelingt es Riedel mehr als 500 Künstler zu identifizieren, die seit dem späten 19. Jahrhundert bis in unser Heute sich der einzigartigen optischen Qualitäten von Sprays und zuweilen auch ideellen Aufladung der Sprayinstrumente bzw. -technik bedienen.

Die Anfänge der Spraymoderne reichen bis in das späte 19. Jahrhundert zurück. Es ist in etwa das Jahr 1891, in dem der in Paris lebende und arbeitende, dem Post-Impressionismus zugeordnete Henry de Toulouse-Lautrec damit beginnt, sich der Plakatkunst, im Besonderen der Lithografie zuzuwenden, wobei er unterschiedlichste Verfahren, darunter auch mit einem Metallgitter grobkörnig zerstäubter Farben u. a. zur Generierung farblicher und stofflicher Nuancen in die Gestaltung seiner Lithografien einfließen lässt. Um die Jahrtausendwende ist es der in München lebende österreichische Expressionist Alfred Kubin, der in seinen dämonischen Traumbildern, in seinen albtraumhaften und fantastischen Zeichnungen mit eher feinkörnig zerstäubten Farben und ihren pointillistischen Strukturen arbeitet, die er mit Hilfe von Spritzgittern und Bürsten generiert. Im frühen 20. Jahrhundert verwendet dann der US-Amerikaner Man Ray während seiner dadaistischen Schaffensphase in seinen ab 1917 entstehenden Aerographen erstmals im Kontext der Moderne den Airbrush als mechanischem Zerstäubungsinstrument. Ihm folgen ein paar Jahre später namhafte, häufig jedoch noch mit manuellen Zerstäubungsmethoden arbeitende Künstler wie die zu dieser Zeit am Bauhaus tätigen Paul Klee (ab 1922) und der von ihm in die Technik eingewiesene Wassily Kandinsky (1928). Weitere zeitweise mit den bildnerischen Potentialen der Sprüh- bzw. damals noch Spritztechnik genannten Zerstäubungstechnik arbeitende Künstler sind die gleichfalls am Bauhaus tätigen Oskar Schlemmer (ab ca. 1923) und El Lissitzky (z. B. 1923) wie auch der Deutsche Robert Michel (insbesondere ab 1922). Diese frühen, hier nur exemplarisch genannten Künstler können aus heutiger Sicht als Urväter der Spraymoderne angesehen werden. Von Beginn an erkunden die Künstler, der von Riedel so benannten, in Riedels Verständnis niemals endenden „Sprayavantgarde“, zunächst in der Verwendung einfacher mechanischer Spritzverfahren, ab 1917 auch in der Verwendung des Airbrush, dann auch im Laufe der 1920er Jahre in der Anwendung der Sprühpistole und ab den späten 1950er Jahren im Einsatz der Spraydose die bildnerischen Vorzüge von Sprays. Dabei sind es schon diese Urväter, die in ihrer avantgardistischen beispielgebenden, allerdings anderen Mensch kunsthistorisch kaum bekannten Weise schon damals den Weg in die Zukunft aufzeigen.

In dieser künstlerisch hochstehenden Tradition widmen sich im Laufe der Jahrzehnte zunächst nur vereinzelt und in jüngere Zeit immer häufiger Künstler der Spraytechnik; machen sich manche Künstler, nicht wenige von ihnen als Vertreter der in Riedels Verständnis niemals endenden und bis heute währenden Sprayavantgarde, die einzigartigen und unverwechselbaren Eigenschaften eher weitwinklig zerstäubter Farben, jeder auf seine eigene Weise zu eigen; kommen über die Jahre und Jahrzehnte im Kontext ihrer Zeit weitere, immer wieder wenn auch nur - im Vergleich zur Masse an tradiert mit dem Pinsel oder Stift arbeitenden Künstlern - vereinzelte neue spraykünstlerische Positionen hinzu. Dabei arbeiten die Künstler der Spraymoderne, ob nun abstrakt oder figurativ, im wesentlichen in drei grundsätzlichen Richtungen bzw. Anwendungsbereichen mit den bildnerischen Optionen von Sprays. So gibt es Künstler, die freihändig sprayen und sich z. B. der Möglichkeit extrem langer, weil anders als mit dem Pinsel nicht endender Linien, wie auch der Option gestisch und/oder optisch aufgeladener Sprühbilder widmen; während andere Künstler mit der hervorragenden Eignung der Spraytechnik zur sauberen und einfachen Abbildung von Motivvorlagen, ob als Auflagen oder Schablonen arbeiten; während wieder andere Künstler zur (industriell) perfekten, frei von jeglichen Pinselspuren angelegten, insbesondere monochromen Kolorierung ihrer Gemälde, Skulpturen oder Wandobjekte die Spraytechnik einsetzten. Neben der industriell perfekten Kolorierung arbeiten die meistern Künstler der Spraymoderne in einem dem Wesen der Spraytechnik entsprechenden dreidimensionalen, also den Werkträger nicht berührenden und damit besonders komplexen Malprozess; bedienen sich die Künstler der Spraymoderne bis heute insbesondere und vor allem des extrem sensiblen, sich im Tempo, Neigung und Abstand auf unmittelbare Weise manifestierenden Sprühbildes; spielen viele Künstler mit den optischen und gestischen Qualitäten von Sprays; arbeiten nicht wenige Künstler im Spiel mit dem Sprühnebel, ob nun mit dem Airbrush, der Sprühpistole oder der Spraydose im Kontrast von scharf und unscharf, opak und transluzent und nicht zuletzt im Kontrast von leicht und schwer.
 
Neben den bildnerischen Qualitäten ist für manche Künstler auch die ideelle Aufladung von Sprays und Sprayinstrumenten ein wichtiges Motiv sich der Spraykunst zu widmen. So liegt der Reiz sich der Spraytechnik zu widmen, neben den optischen und bildnerischen Vorzügen für nicht wenige Künstler in der Suche nach nicht bzw. kaum tradierten und etablierten, der Kunst (noch weitgehend) fernen Ausdrucksmöglichkeiten und künstlerischen Zweckentfremdung von Airbrush, Sprühpistole und Spraydose; ist die Verwendung der Spraytechnik und Sprayinstrumente für nicht wenige Künstler der Spraymoderne ein Angriff auf die gutbürgerliche und tradierte, im Alten verhaftete Kunst; wird die Spraydose z. B. in den 1960er Jahren in der Pop Art von manchen Künstlern in der Suche nach einem dem Alltag entwendeten Medium verwendet; ist für manche Künstler des Arte Povera ab den späten 1960er Jahren die Spraydose ein „ärmliches“ Medium; wird die Spraydose für wieder andere Künstler ab den späten 1970er und vor allem in den 1980er Jahren ein im Kontext von Punk und Punk Graffiti stehendes, von den Neo-Expressionisten und insbesondere den aus dem deutschsprachigen Raum stammenden „Neuen Wilden“ eingesetztes avantgardistisches Medium. Nicht zuletzt wird die Spraydose im Laufe der 1980er Jahre und der sich verbreitenden Schablonengraffiti und insbesondere Hip-Hop-Graffiti zu einem anti-elitären, die tradierte Kunstwelt angreifenden und die tradierten Orte der Kunstpräsentation umgehenden Medium der Straße; liegt für manche Künstler genau darin der Reiz, die Spraydose als Medium zu wählen.
 
Vor diesem kunsthistorischen und zeitgenössischen Hintergrund identifiziert Riedel in mehrjähriger intensiven und chaotischer Spurensuche im Internet und in der Kunstliteratur eine Vielzahl von Künstler, die seit Anbeginn der Moderne, jeder auf seine ganz eigene Art, jeder im Kontext in seiner Zeit, im Kontext von Stilen, Schulen, Bewegungen und Werkkonzepten einen spraykünstlerischen Beitrag liefern und damit eine spraykünstlerische Position einnehmen. Dabei sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt, dass obgleich Riedel mehr als 500 Künstler findet, die im Kontext der ewig währenden Moderne mit Sprays arbeiten, diese Zahl im Vergleich zur Masse an Künstlern, im Vergleich zu den zigtausenden bis heute mit tradierten Medien arbeitenden Künstlern an sich verschwindend gering ist. Und doch entsteht über die Jahre und Jahrzehnte eine Fülle an spraykünstlerischen Positionen, die in diesem Jahrtausend mit dem Siegeszug der Streetart gerade bei jüngeren Künstlern ihren Höhepunkt erfährt; ein Siegeszug, der die Spraydose und damit auch die Spraytechnik nun endgültig zu einem etablierten Medium in der bildenden Kunst macht.
 
In diesen Gesamtkontext gestellt fokussiert sich Riedel in der Würdigung der einzelnen mit Sprays arbeitenden Künstlern nicht bzw. weniger auf all zu tiefgründige, insbesondere philosophische oder weit ausholende kunsthistorische Aspekte. Stattdessen konzentriert sich Riedel neben kurz ausgeführten stilistischen und epochalen, insbesondere auf ideelle und in besonderer Weise auf formale Aspekte; gibt es doch bis Heute eine derartige Würdigung nicht; geht es ihm mit seiner wie er sagt „Spraykünstlerischen Brille“ um die spraytechnische Filterung und Würdigung; um den jeweiligen künstlerischen und spraytechnischen Ansatz im Umgang mit den einzigartigen Potenzialen von Sprays. So unterzieht Riedel die, ob nun in Reinform oder in der Mischtechnik gesprayten Werke einer analytischen Betrachtung und daraus abgeleiteten einer spraytechnisch formalen Einordnung. Auch geht es ihm nicht um allzu komplexe, ausufernde und aufgeblasene, sondern um kurze und prägnante Würdigungen.
 
Aufgrund der fehlenden Bildrechte kann Riedel in seiner wissenschaftlichen Arbeit nicht auf Fotografien zurückgreifen. Da dem so ist und Riedel auf eine visuelle Präsentation der Kunstwerke bzw. des Schaffens der Künstler verzichten muss, kommt damit sich der Leser zumindest in etwa ein Bild machen kann, auch deshalb der spraykünstlerisch formalen Einordnung ein wichtige Bedeutung zu. In dem Riedel in der Würdigung des spraykünstlerischen Schaffens der vorgestellten Künstler immer wieder auch Werktitel und ihre Entstehungszeit nennt, ermöglicht es Riedel dem Leser im Internet nach den Künstlern und Kunstwerken zu recherchieren und sich damit selbst ein Bild zu machen. Hiebei ist es zu empfehlen mit dem Namen der Künstler, deren Kunstwerken und oder mit Schagwörtern wie „Spray“, „Sprüh“, „Spritztechnik“, „Spraytechnik“, „Spraydose“, „Airbrush“ und „Sprühpistole“ im Internet spraykünstlerische Werke zu finden und andere Exempel zu suchen.
 
Alles in Allem zielt Riedel mit seiner wissenschaftlichen Analyse zur Spraymoderne, mit seinen kunsthistorischen und zeitgenössischen Ausführungen zur Spraymoderne, mit dem Auffinden und Beschreiben von mit Sprays arbeitenden Künstlern darauf ab, Licht ins Dunkel zu bringen; heute mit Sprays arbeitenden Künstlern die Möglichkeit zu eröffnen sich kunsthistorisch und zeitgenössisch zu verorten; Künstlern, ob sie schon oder noch nicht mit Sprays arbeiten, Inspirationsquellen zu bieten und nicht zuletzt Spraykünstlern die Möglichkeit zu bieten sich - wie dies z. B. im Graffiti und der Streetart geschehen ist - zu vernetzten und z. B. Künstlergruppen zu gründen und Gemeinschaftsausstellungen durchzuführen. Damit all dies künftig geschehen kann, hat sich Riedel Anfang 2019 dazu entschieden sein Wissen, in seiner Liebe und Hingabe zur Spraykunst der Allgemeinheit und insbesondere auch Kunstwelt frei zugänglich und kostenlos zur Verfügung zu stellen.
 
 

Die Spraymoderne - bisherige Ausstellungen, Publikationen und Künstlergruppen -

Die Erkenntnis, dass es Künstler gibt die in der Moderne mit Sprays arbeiten reicht zumindest bis hin die 1970er Jahre.

So findet im Jahr 1971 in Santa Barbara (USA, Kalifornien) im „The Santa Barbara Museum of Art“ die unter dem Titel „Spray“ stehende Gruppenschau statt. In dieser Werkschau, zu der auch ein kleiner Katalog erscheint, sind in der Zeit vom 24. April bis 30. Mai gesprayte Werke von 36 Künstlern zu sehen. Dabei reicht die Ausstellung bis in Anfänge der Moderne zurück; gibt die Ausstellung einen ersten kunsthistorischen und zeitgenössischen Überblick. Neben hyperrealistisch arbeitenden Künstlern wie Ben Schonzeit, Don Eddy und John Salt sind in der Gruppenschau vor allem Werke von Künstlern zu sehen, die mit eher weitwinklig zerstäubten Sprays. Bemerkenswert ist, dass bereits in dieser Ausstellung zwei Arbeiten des Franzosen Henri de Toulouse-Lautrec aus den 1890er Jahren zusehen sind, in denen der Künstler mit manuell etwas grobkörniger zerstäubten, Farben arbeitet. Ebenso werden in dieser Ausstellung zwei Werke von Wassily Kandinsky aus dem Jahr 1928 präsentiert; werden von Künstler, wie z. b. Tom Akawie, Dan Christensen, Craig Kauffmann, Yves Klein, Jules Olitski und Billy Al Bengston ein oder zwei Arbeiten aus den 1960 Jahren präsentiert; werden von Künstlern wie Paul Wunderlich und Mario Yrissary Werke aus den frühen 1970er Jahren der Kunstwelt vorgestellt. Nicht zuletzt wird in der Einführung des Ausstellungskatalogs die spraykünstlerische Position von Man Ray und seinen ab 1917 mit dem Airbrush gesprühten Arbeiten gewürdigt.

Nach dieser ersten relativ umfassenden Werkschau wird es was Gruppenausstellungen von Künstlern angeht, die mit eher weitwinklig zerstäubten Sprays arbeiten für lange Zeit ruhig. Erst 2009 gründet dann der Nürnberger Diethard Riedel die Künstlergruppe „Modern Spray Art Group“, zu deren Künstler neben der Streetartlegende Hugo Kaagmann u. a. der Mannheimer Konstantin Voit und die Erlangerin Chris Engels gehören. Zu der in der Erlanger Galerie im Treppenhaus vom 10. September bis 8. Oktober 2009 stattfindenden Werkschau erscheint ein von Diethard Riedel verfasster Kunstkatalog, der neben der Würdigung der einzelnen Künstler auch eine kunsthistorische und zeitgenössische Einführung in die Kunst abseits des Graffiti und der Streetart gibt. Allerdings ist dieser einleitende Text, wie Riedel erst im Nachhinein durch seine umfangreiche kunsthistorische Analyse bzw. Forschungsarbeit fest stellt in einem wesentlichen Punkt falsch; geht Riedel doch 2009 noch davon aus, dass er mit seinen ab 1983 gesprayten Werken zu einem der ersten Künstler gehört, die mit Sprays arbeiten.

2010 findet in der New Yorker „D’Amelio Terras Gallery unter dem Titel „Spray!“ in der Zeit vom 8. Juli bis 13. August ein Werkschau statt, in der neben kunsthistorisch wichtigen Arbeiten von David Smith, Dan Christensen, Yayoi Kusama und Jules Olitski Werke zeitgenössischer Künstler, namentlich von Keltie Ferris, Katharina Grosse, Jacqueline Humphries, Rosy Keyser,, Robert Moskowitz, Stephen Prina und Sterling Ruby zu sehen sind.

2014 findet abermals in New York unter dem Titel „Go With The Flow - A group show of atomized paint“ in der Kunstgalerie „The Hole“ eine Gruppenausstellung mit Werken von 19 Künstlern statt, in der unter anderem zeitgenössische Arbeiten von Wendy White, Trudy Benson, Rosson Crow, Keltie Ferris und Greg Bogin zu sehen sind.

Noch im gleichen Jahr ist die Gruppenausstellung „S.P.R.A.Y. - painting now“, in Galerie Laurent Marthaler im schweizerischen Montreux zu sehen, in der unter anderem Künstler wie Therry Feuz, Stéphane Ducret und Crystel Ceresa mit aktuellen Arbeiten zu sehen sind.

2015 ist in der Galerie Gagosion in London die bisher größte und umfassendste Werkschau zu sehen, in der in Zeit vom 11. Juni bis 1. August gesprayte Werke von Künstlern aus der Zeit von 1929 bis 2015 zu sehen sind. Gezeigt und in einem begleitenden Kunstkatalog gewürdigt werden in die Ausstellung Arbeiten von Justin Adian, Richard Artschwager, Tauba Auerbach, Martin Barré, Jean-Michel Basquiat, David Batchelor, Dike Blair, John Chamberlain, Dan Christensen, Dan Colen, Ida Ekblad, Jeff Elrod, Urs Fischer, Jack Goldstein, Piero Golia, Kim Gordon, Katharina Grosse, Wade Guyton, Richard Hamilton, Keith Haring, Hans Hartung, Alex Israel, Anish Kapoor, Paul Klee, Jeff Koons, Harmony Korine, John Latham, Joseph Logan, Nate Lowman, Olivier Mosset, Takashi Murakami, Albert Oehlen, Jules Olitski, David Ostrowski, Steven Parrino, Sigmar Polke, Stephen Prina, Ugo Rondinone, Pamela Rosenkranz, Sterling Ruby, Ed Ruscha, Mira Schendel, Julian Schnabel, David Smith, Rudolf Stingel, Blair Thurman, Charline von Heyl, Andy Warhol, Lawrence Weiner, Franz West, Michael Williams, Christopher Wool und Richard Wright. Dabei nimmt Riedel diese Ausstellung mit großer Verwunderung und Überraschung auf, tritt er doch 2013 mit der Gagosian Gallery in Kontakt, um sich über die genaue spraytechnische Machart von der Galerie vertretener Künstler, insbesondere bezüglich des Künstlers Ed Ruscha zu informieren. In diesem Kontext informiert Riedel einen Mitarbeiter der Galerie (im Nachhinein leider) über und sein kunsthistorisches wie zeitgenössisches Forschungsprojekt und Vorhaben; nennt er der Galerie z. B. die deutschen mit Sprays arbeitenden Künstler Hans Hartung und Sigmar Polke. Voller Erstaunen stellt Riedel dann 2015 fest, dass die Kunstwelt das reinste Haifischbecken ist; das in der Kunst Ideen kaum geschützt sind; und doch hat die Ausstellung und die begleitende Publikation etwas Gutes, bringt doch beide wie Riedel es vorhat ein wenig Licht ins Dunkle; zeigt sie doch zumindest im Ansatz die kunsthistorische Wahrheit und zeitgenössische Vielfalt auf.
 
 
Diethard Riedel, Stand 2019

 


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