Intro

In seiner Liebe und Hingabe zur Spraykunst, seit 1983 ganz und gar fasziniert und in den Bann gezogen von der Spraykunst und aufgrund einer nicht existierenden theoretisch, historisch und zeitgenössisch umfassenden und sauberen Würdigung, erforscht und analysiert Riedel in der Zeit von 2009 bis 2016 das Wesen, die kunstkunsthistorische Wahrheit und zeitgenössischen Vielfalt. Im Ergebnis dieses Bemühens verfasst Riedel zur Spraykunst - als von zerstäubten Farben getragener Kunstform - die folgende Abhandlung, die er 2019 in der Fassung von 2016 auf seiner Homepage veröffentlicht und damit jedem Interessierten frei zugänglich zur Verfügung stellt.
 
Die Kunst mit zerstäubten Farben treibt mannigfaltige Blüten. Ihre Anfänge reichen bis in die prähistorische Höhenmalerei der Steinzeit zurück. Und doch, obgleich die Sprühkunst damit zu den Urformen menschlichen künstlerischen Schaffens gehört und gerade in der Moderne vielfältigste spraykünstlerische Postionen existieren, fehlt es bis heute an einer kunsthistorisch sauberen, zeitgenössisch aktuellen und zumindest für die nahe Zukunft tragfähigen Analyse der Spraykunst, samt korrekter und trennscharfer Begrifflichkeiten. Dabei ist es angebracht die Spraykunst vergleichbar zur Fotografie oder zum C-Print als eigenständige Kunstform zu begreifen, denn seit dem späten 19. Jahrhundert eröffnen zunächst manuelle Zerstäubungsmethoden, später auch Airbrush, Sprühpistole und Spraydose dem Künstler als Zeichen-, Mal- und Kolorierungswerkzeug einzigartige und unvergleichliche bildnerische Potenziale und z. T. auch ideelle Qualitäten. Bildnerisch ist es der fehlende Kontakt zum Bild- bzw. Objektträger, die Eigenheit des dreidimensionalen Arbeitens und die verwendete Technik der Farbzerstäubung, die die Spraykunst so einmalig machen und im Ergebnis dazu führen, die Spraykunst im Kontext der Moderne als eigenständiges, weil unvergleichbares Genre zu begreifen. Ob im Spiel mit dem Sprühnebel oder in der Hyperdetailliertheit, ob als Kunst im öffentlichen, privaten oder musealen Raum, ob als Graffiti oder Streetart mit der Spraydose, in der Spraykunst existiert eine bildnerische Vielfalt, die bisher als Ganzes noch nicht betrachtet wurde und nur in Ausschnitten bekannt und erforscht ist.

Woran es liegt aber, dass bisher nicht einmal eine ansatzweise umfassende, systematisch tragfähige und inhaltlich exakte Aufarbeitung zum Thema Spraykunst, als eigenständiger, wenn auch heterogener Kunstform existiert? Worin liegen die Gründe, dass viele Menschen die Spraykunst vor allem mit Graffiti und in jüngerer Zeit mit der Streetart verbinden? Woran liegt es, dass einzelne Strömungen in der Spraykunst, wie das Graffiti, die Streetart oder der Fotorealismus zumindest hinreichend beleuchtetet sind, eine andere zentrale, in dieser Publikation vorgestellte Strömung, nämlich die „Visible Atomized Sprayart“ jedoch vernachlässigt wird? Woran liegt es, dass über die letzen gut 100 Jahre nur wenige klassische Künstler bekannt sind, die mit der Spraytechnik gearbeitet haben bzw. heute arbeiten? Was sind die Gründe für dieses mangelhafte, nur bruchstückhafte Wissen? Liegt es daran, dass die Bedeutung der Spraytechnik im Kontext der Moderne, in Ermangelung besseren Wissens seit Jahrzehnten unterschätzt wird? Ist es die bildnerische und ideelle Komplexität des Themas, samt der vielfältigen Entwicklungslinien? Liegt es daran, dass für manche Künstler und Kunsthistoriker nicht die Machart sondern nur das Ergebnis, also das Kunstwerk selbst und seine stilistische, epochale Würdigung zählt; dass es immer wieder auch Künstler gab und gibt, die den Entstehungsprozess ihrer Kunstwerke nicht so gerne Preis geben? Liegt es daran, dass in weiten Teilen der vorherrschenden Kunstwelt gegenüber gesprayten Kunstwerken lange Zeit eine kritische, ja (angeblich) ablehnende Haltung bestand? Sind es die weltweit verstreuten, nur schwer auffindbaren Künstler? Ist es der Umstand, dass das Auffinden von Künstlern an konventionellen Orten der Wissenssammlung wie z. B. in Kunstbibliotheken jeden Rahmen sprängen würde? Oder liegt es einfach nur daran, dass bisher noch niemand in der Kunstwelt gängige Wege verlassen und quer gedacht hat und eben nicht in erster Linie auf das Kunstwerk als Resultat für die kunsthistorische Würdigung abgezielt wird, sondern zunächst die Machart als zentrales Kriterium der Analyse, als allentscheidende Klammer zur Identifikation einer eigenständigen Kunstform samt ihrer Strömungen dient?

Vor dem Hintergrund all dieser Fragen und Aspekte zeigt sich die dringende Notwendigkeit einer historischen Analyse der Spraykunst, einer längst überfälligen Zeitreise durch die Geschichte; eine Reise zurück in die prähistorischen Anfänge, eine Zeitreise durch die Stile, Epochen, Schulen, Strömungen und Bewegungen in der Moderne. Diese Reise macht es möglich, die wichtigsten Entwicklungslinien und Strömungen in der Spraykunst zu identifizieren. Dabei geht es in dieser Studie weniger um Entwicklungslinie der hyperdetallierten Spraykunst, bei der die Künstler primär mit dem hyperexakten und hyperfeinen Sprühbild des Airbrush, frei von jeglichen sichtbaren Pinselspuren arbeiten. Ebenso geht es nicht um das Graffiti oder die Streetart, wo die Tagger, Writer, Sprayer und Streetartisten, abgesehen von bestimmten Ausnahmen, weniger aus optischen Gründen, sondern auch und vor allem aufgrund allgemeiner Vorzüge wie der guten Haftkraft, der hohen Wischfestigkeit und Wetterbeständigkeit, der schweren Entfernbarkeit und besonderen Praktikabiltät, der Möglichkeit des extrem schnellen illegalen Agierens mit aus der Dose gesprayten Farben arbeiten. Auch geht es nicht um die Ende der 1970er Jahre vom Mexikaner Ruben „Sadot“ Fernandez begründete „Sadotgrafia“.

Vielmehr geht es um eine bisher vollkommen vernachlässigte, eigenständige Strömung, die seit dem späten 19. Jahrhundert einfach nur von Künstlern getragen wird, die sich in ihrer ganz eigenen, ob nun abstrakten oder figurativen Art, im Kontext ihrer jeweiligen Zeit, der optischen und/oder ideellen Qualitäten manueller Zerstäubungsinstrumente, des Airbrush, der Sprühpistole oder der Spraydose bedienen und hier primär die bildnerischen Optionen eher weitwinklig zerstäubter Farben für sich nutzten. Da diese Strömung bis heute begrifflich nicht umklammert ist, wählt der Autor dieser Publikation nicht ganz trennscharfe Termini wie „Spraymoderne“, „Sprayavantgarde und „Visible Atomized Sprayart“, arbeiten die Künstler doch nahezu seit Anbeginn der Morderne mit eher weitwinklig zerstäubten Farben, mit einem mehr oder weniger breiten Sprühbild, das von einer sich abbildenden Atomisierung, von zerstäubten bzw. atomisierten, mit dem bloßen Auge kaum mehr wahrnehmbaren Farbpigmenten getragen wird; zählen viele mit Sprays arbeitenden Künstler, ob in ihrer jeweiligen Zeit oder im zeitgenössischen Heute zur ewig währenden Avantgarde.

Begünstigt und ermöglicht wird diese kunsthistorische und zeitgenössische Aufarbeitung der Atomized Sprayart, das Auffinden von Künstlern, die Beschreibung ihrer künstlerischen Positionen, durch die neuen ungeahnten Potenziale die das Internet, die Fülle an im World Wide Web vorhanden Informationen bietet. Erst das World Wide Web macht es heute auf relativ effiziente Weise möglich, in einer globalen, teils chaotischen, teils systematischen Spurensuche die Nadeln im Heuhaufen zu finden, die Wenigen aus der der Vielzahl an Künstlern herauszufiltern, die in der Moderne spraykünstlerisch aktiv waren oder sind.

So ist es das zentrale Anliegen dieser Publikation Licht ins Dunkel zu bringen; will sie den schwarzen Fleck in der Kunstgeschichte ausleuchten, der kunsthistorischen Wahrheit und der zeitgenössischen Vielfalt möglichst Nahe kommen. Dass die Zeit dafür reif ist, zeigt auch der jüngste globale Hype um die Spraydose. Getragen durch den Erfolg von Streetartisten wie dem Engländer Banksy wird die Spraydose für immer mehr, insbesondere junge Künstler zu einem bevorzugten, zumindest gleichwertigem, emotional aufgeladenem Medium.
 
 
Diethard Riedel, Stand 2019

 


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