Manuelle und einfache mechanische Sprayverfahren in der Moderne – vom späten 19. Jahrhundert an

Auch seit Anbeginn der Moderne, insbesondere seit dem späten 19. Jahrhundert bedienen sich immer wieder einzelne Künstler der bildnerischen und zum Teil auch ideellen Qualitäten zerstäubten bzw. zerteilten Farbtropfen und Tröpfchen. Es ist die Suche nach neuen, der Zeit und dem Leben gemäßen, für die jeweilige künstlerische Intension geeigneten, zumindest in der westlichen Kunstwelt nicht tradierten Gestaltungstechniken, Ausdrucksformen und Stilmitteln; es ist die Abkehr vom detaillgetreuen Abbild der Natur bzw. Realität, es ist spätere Hinwendung zu rein abstrakten Bildwelten, die Künstler der europäischen Avantgarde in ihrem experimentellen Freigeist dazu bewegt, mit rein manuellen oder einfachen mechanischen Spritz- bzw. Sprühtechniken zu arbeiten. Dabei kommt in erster Linie neben dem rein manuellen Aufspritzen der Farbe z. B. mit Hilfe eines Pinsels oder einer Bürste das sogenannte „Spritzsieb“ bzw. „Spritzgitter“, das zum Zerteilen bzw. Zerstäuben konzipierte bzw. umfunktionierte Sieb und Gitter infrage. Hier werden insbesondere dünnflüssige Farben wie Tusche oder Aquarell v. a. mit Hilfe einer Bürste durch ein mehr oder weniger feinmaschiges gitterartiges Geflecht gerieben und damit je nach Korngröße des Gitters in kleine bzw. kleinste Teilchen zerstäubt bzw. zerteilt. Dabei kommen zunächst v. a. käuflich erworbene Gitter und Siebe zum Einsatz, die von Künstlern zweckentfremdet werden. Hier seien exemplarisch Papierschöpf-, Mehl- oder Teesiebe erwähnt, wobei z. B. das aus Maschendraht geformte Teesieb im Zuge der industriellen Revolution schon in jenen Tagen in großen Mengen kostengünstig hergestellt wird. Auf der anderen Seite werden später auch speziell auf die Bedürfnisse von Künstlern zugeschnittene Spritzsets, samt feinmaschigen, aus Draht geflochtenen Sieben, Haarbürsten, Handbürsten und Nähgarn angeboten und genutzt, so z. B. von Paul Klee. Nebenbei bemerkt ist das Spritzsieb, ob für Kinder, Jugendliche oder Künstler bis heute am Markt erhältlich. Andere eher seltener angewendete Zerstäubungstechniken sind u. a. das klassische, aus der prähistorischen Höhlenmalerei bekannte Farbblasrohr bzw. -röhrchen und der bis heute erhältliche „Mundzerstäuber“ (engl. „mouth atomizer), der so wird angenommen, in einer speziellen Weiterentwicklung des Farbblasrohrs um 1883/1884 von der US-amerikanischen Keramikentwerferin Laura Anne Fry während ihrer Tätigkeit in der Manufaktur Rookwood Pottery in Cincinnati (Ohio) erfunden und z. B. später von Paul Klee benutzt wird. Nicht zuletzt steht den Künstlern zu jener Zeit der bereits etablierte Parfümzerstäuber mit Blasebalg (engl. „parfum atomizier“) - zumindest theoretisch - und die Fixierspritze, wie sie z. B. Karl Otto Götz Mitte der 1930er Jahre als Blasinstrument verwendet zur Verfügung.

So nutzen manche Künstler der europäischen Avantgarde seit dem spätem 19. Jahrhundert in ihrer spezifischen Intension und Bildsprache die mitunter einzigartigen bildnerischen Potenziale fein- bis großkörnig zerstäubter Farben.

Sie machen dies u. a. um körnige auf kleinen und kleinsten Teilchen beruhende Bildgründe und Areale abzubilden; um farblich Nuancen wie Halb-, Zwischentöne oder Vieltöne zu generieren; um pointillistische Bildstrukturen, stoffliche Anmutungen oder Texturieren zu erzielen und um Gegenständliches, Abstrahiertes oder rein Abstraktes, Bestimmtes oder Unbestimmbares, Wirkliches oder Unwirkliches abzubilden. Sie bedienen sich ihrer auch und gerade um atmosphärisch dichte, emotional und energetisch aufgeladene, z. B. ins Expressive, Fantastische, Surreale, Spirituelle oder rein Abstrakte weisende Bildwelten zu komponieren; um teils diffuse, teils changierende und durchschimmernde, ins Schwerelose gleitende Bilder und Bildpassagen zu kreieren; um figurative oder abstrakte Schablonenmotive, um Farbwolken und Muster zu kreieren. Nicht zuletzt arbeiten manche Künstler mit aufgesprühten Farben um in der pointillistischen Kontrastierung zum Klaren, Opaken und Schweren die Ausdruckskraft zu steigern; um eine Illusion von Stofflichkeit, Plastizität und Räumlichkeit zu erzielen.

Neben diesen bildnerischen Potenzialen kommen in der Verwendung der Spritz- bzw. Sprühtechnik und ihrer Hilfsmittel für machen Künstler auch symbolische Aspekte zum Tragen; kommt es im Laufe der Jahre und Jahrzehnte mit den in der Moderne aufkommenden Stilen, Haltungen und Bewegungen zu unterschiedlichen Aufladungen. Beispielsweise kann eine symbolische Qualität darin gesehen werden, dass Farbsprenkel bzw. -spitzer in der herkömmlichen Malerei mit dem Pinsel, in der im Alten verhaftenden Kunstwelt, an sich als gestalterischer Fehler begreifbar sind. Zugleich ist in der westlichen Kunstwelt in der Verwendung einfacher Sprühtechniken ein Bruch gängiger Regeln, ein Bruch mit der vorherrschenden akademischen Lehrmeinung, mit dem bürgerlich geprägtem elitären Kunstbetrieb, mit den tradierten Bildwelten, Mal- und Zeichenmethoden zu sehen. Dieser radikale, teils provokative Bruch und Aufbruch in die neue Zeit kommt auch in der ausgeklügelten Trivialität der Gestaltungstechnik, in der Verwendung ungewöhnlicher, banaler, zunächst an sich der Kunst ferner Hilfsmittel wie dem Spritzsieb zum Ausdruck. Nicht zuletzt deutet sich mit der von einigen Künstlern gewählten Spritz- bzw. Sprühtechnik die aufkommende Verbindung von Kunst, Alltag und Technik an, wie sie z. B. in den 1920er und 1930er Jahren am deutschen Bauhaus in Weimar und Dessau gelebt wird.

Doch nun zurück zu den bildnerischen Anfängen der Spritz- bzw. Sprühtechnik im Kontext der Moderne. Es ist das Jahr 1891, in dem der in Paris lebende und arbeitende, dem Post-Impressionismus zugeordnete Henry de Toulouse-Lautrec damit beginnt, sich der Plakatkunst, im Besonderen der Lithografie zuzuwenden, wobei er unterschiedlichste Verfahren, darunter auch mit einem Metallgitter aufgespritzte Farben u. a. zur Generierung farblicher und stofflicher Nuancen in die Gestaltung seiner Lithografien einfließen lässt.

Einige Jahr später ist es der in München lebende österreichische Expressionist Alfred Kubin, der um die Jahrhundertwende in seinen dämonischen Traumbildern, in seinen albtraumhaften und fantastischen Zeichnungen mit feinkörnig zerstäubten Farben und ihren pointillistischen Strukturen arbeitet, die er mit Hilfe von Spritzgittern und Bürsten generiert.

Um 1905/1906 ist es der zunächst in München und kurze Zeit später in Wien angesiedelte Ludwig Heinrich Jungnickel, der in der Motivdarstellung seinen Tierbilder durch die Anwendung der Spritz- und Schablonentechnik zu außergewöhnlichen Ergebnissen gelangt.

Auch mit dem um 1916 u. a. im Zuge der Schrecken des Ersten Weltkrieges aufkommenden Dadaismus und der Suche nach neuen, radikalen, das Etablierte ablehnenden Gestaltungsmitteln, Werkkonzepten und Ausdrucksformen greifen weitere Künstler auf die bildnerischen und ideellen Qualitäten manuell gespritzter bzw. zerstäubter Farben zurück. So ist es Hans Arp, der Mitbegründer der Dada-Bewegung, der sich ab etwa 1917 in der Kolorierung einzelner Passagen seiner organisch-abstrakten Holzrefliefs mitunter manuell aufgespritzter, besonders feinkörnig zerstäubter Farben bedient, die in extrem kontrastierter Weise hin zu Farbwolken mutieren.

Um 1919 beginnt der Deutsche Robert Michel in seinen Bildern und Bildcollagen, in seinem Schaffen sich an den Prinzipien des Dadaismus, Konstruktivismus und Futurismus orientierenden Schaffens, in seinen das Mensch-Maschine-Problem thematisierendem Arbeiten zunächst zaghaft, ab etwa 1922 dann deutlich hervorgehobener mit den bildnerischen Optionen mehr oder weniger fein gekörnter Farbtröpfchen, sei es zur Abbildung undefinierter Bildgründe, sei es zur Abbildung von Schablonenmotiven, von Geometrien, Zahnrädern und Zahlen, sei es zur Generierung seiner Totalcollagen auf transparentem Spezialpapier zu arbeiten.

Einen ganz eigenen Zugang zur manuellen Zerstäubungstechnik findet um 1921 der in Berlin lebende Otto Nebel. Im Laufe der folgenden Jahre und Jahrzehnte bringt Nebel gerade in seinen Bildern, im Kontext seiner Zeit, im Kontext von z. B. Dada, Abstrakten Expressionismus und Surrealismus, mit einfachen mechanischen Hilfsmitteln die imaginäre, abstrahierende, kontrastierende und expressive Kraft mehr oder weniger grob gekörnter Farben, sei es zu bildnerischen Entfaltung.

Ein anderer Dada-Künstler ist der unter dem Kunstwort „Merz“ agierende Kurt Schwitters. Schwitters montiert z. B. um 1922/1923 auf dünnen Karton eine Collage mit geometrischen Papier- bzw. Kartonapplikationen, die er abschließend in radikaler Weise mit Farbsprenkeln überzieht.

Am deutschen Staatlichen Bauhaus in Weimar und später in Dessau sind es in den 1920er und frühen 1930er Jahren eine Reihe von Lehrmeistern und Schülern, eine Reihe von Künstlern, die sich in der konzeptionellen Symbiose von Leben, Technik und Kunst, in der Suche nach neuen Arbeitsgeräten, Ausdrucksformen, Genres und Werkkonzepten; im gelebten experimentellen, anarchistischen und avantgardistischen Freigeist jener Tage der bildnerischen Qualitäten und Symbolkraft einfacher Spritz- bzw. Sprühtechniken bedienen. Hier sind u. a. Bauhausmeister wie Paul Klee (ab etwa 1922), Oskar Schlemmer (ab etwa 1923), László Moholy-Nagy (z. B. 1925) und Wassily Kandinsky (ab etwa 1928), oder der Bauhaus-Schüler wie Ludwig Hirschfeld-Mack (z. B. um 1922/1923) zu nennen. Bei ihnen kommt die Virtuosität im Umgang mit der manuellen Spritz- bzw. Sprühtechnik, insbesondere die hohe Kunst im Umgang mit dem Spritzsieb voll zum Tragen; stehen viele der generierten Sprühbilder in ihrer Feinkörnigkeit, Zartheit, Leichtigkeit und Gleichmäßigkeit dem des Airbrush in nichts nach, sind sie mithin zum Verwechseln ähnlich. Dies mag ein Grund sein, warum z. B. von Klee und Kandinsky in manchen im Internet kursierenden Beiträgen fälschlicher Weise davon ausgegangen wird, dass sie den Aribrush in ihren Gemälden eingesetzt haben.

Aus der ersten Hälfte der 1930er Jahre sind der Nachwelt Kunstwerke ehemaliger Bauhaus-Schüler wie Fritz Winter, Vilhelm Bjerke-Petersen und Erich Fritzsche bekannt, deren Optik vom Einsatz manueller Spritztechniken geprägt ist.

Ab Mitte der 1930er Jahre ist es zum Beispiel der Deutsche Karl Otto Götz, der in einer Werkserie mit einer mundgeblasenen Fixierspritze arbeitet; der in der Kombination von Sprühtechnik und Bildauflagen abstrakte, aus organischen und geometrischen Formen bestehende, mehr oder weniger grob gekörnte Bildebenen entstehen lässt, in den hinein er mit sparsamen Lineaturen Tier- und Menschenmotive zeichnet.

In den 1940er Jahren widmet sich der in Paris lebende russische Maler Serge Poliakoff z. T. manuell gesprühter Farbform-Kompositionen, bedient sich auch der gleichfalls in Paris arbeitende César Domela in seinen abstrakten Arbeiten der Spritztechnik. Ihnen folgt in den 1950er Jahren die nach New York ausgewanderte Deutsche Hannah Höch mit ihren monochromen, mal gitterförmigen, mal geometrisch strukturierten Abstraktionen. Noch in den 1950ern beginnt der Süd-Afrikaner Christo Coetzee den Mundzerstäuber für seine abstrakt-expressionistischen Arbeiten zu nutzen.

Anfang der 1960er Jahre ist es der deutsch-französische Maler Hans Hartung, der mit Hilfe eines umgekehrten Staubsaugers und etwas später mit komprimierter Luft in seinen informellen, lyrisch abstrahierten Bildwelten Farben auf den Bildträger spritzt bzw. sprüht.

In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre legt z. B. die Wienerin Florentina Pakosta, u. a. in ihren „Satirischer Zeichnungen“ ein Erscheinungsbild an, dass maßgeblich von der Spritztechnik, von manuell zerteilten bzw. zerstäubten Farben, von mehr oder weniger kleinen und feinen Farbsprenkeln bzw. Farbspritzern mitgetragen wird. Mit dieser Spritztechnik legt Pakosta wie in der Zeichnung „Bewusstseinsspaltung“ aus dem Jahr 1977 mitunter einen monochromen grobkörnigen Bildgrund an, bildet sie zuweilen wie im Werk „Ohrnekopf“ (1977) im Hintergrund mit entsprechenden Auflagen zart gekörnte Muster ab. Vor allem aber, sind es von Pakosta selbst entworfene Schablonen, deren Motive sie auch mit Farbsprenklern abbildet, deren grobkörnige Struktur, den Mann in seinem Rollenverhalten wie versteinert darstellt. So ist die kolorierte "Schablone" Inhalt bzw. Symbol und Technik zugleich. In diesen Arbeiten karikiert und spiegelt Pakosta Männermacht und -dominanz, von Männern ausgehende Gewalt und Verletzung. „ER“, der gesellschaftlich Erfolgreiche, kommt bei Pakosta nicht gut weg. Gespaltensein prägen den entpersönlichten, nur mehr funktionierenden Mann und manchmal auch die Frau. In Pakostas Frauenköpfen stecken Nadeln oder Reißnägel. Frauen sind bei ihr Opfer oder versuchen sich zu wehren, auch durch ironische Selbstporträts. Schnabelköpfe, "Doppelmünder" oder dreinasige Fratzen erinnern zudem an Pakostas Faszination für das Werk des spätbarocken Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783). Für Pakosta haben ihre Satiren „mit Moral zu tun“. Mit der Ausbeutung der Arbeitskraft der Frau greift sie bereits in den 70er Jahren eine Entwicklung auf, die in ihrem aktuellen Werk wie in der heutigen Gesellschaft immer noch präsent ist.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre widmet sich der deutsch-französische Maler Hans Hartung in der Spätphase seines Schaffens in seinen informellen Abstraktionen wieder der manuellen Spritztechnik; nutzt er einen handbetriebenen Pumpzerstäuber um mit ihm grob gekörnte Bildwelten und -areale entstehen zu lassen...
 
 
Diethard Riedel, Stand 2019

 


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